kein weg zurück mit Lydia Henkel
Das kalte, nasse Draußen, drückte am Morgen gegen das Fenster. Nachdem gestern die Sonne
brannte und die Haut empfindlich spiegelte, hat man heute keine Ahnung von der
Außentemperatur. Unter der Bettdecke ist es gleichzeitig warm und unerträglich, draußen könnte
es genau so sein. Man bewegt sich zwischen Zuständen, welche nicht erreicht werden und bleibt.
Man wird zum Zauberwürfel, verwandelt sich in den Bademantel, einen Kamm, eine Wurst.
wurst
Alles was drin ist, muss raus.
Alles was außen liegt, muss rein.
Was um eine Paprika ist,
die Welt,
muss in eine Paprika.
Alles drängt näher, alles drängt sich auf.
Man begreift, dass es hier um etwas Rohes geht, um Fleisch, Haut und die Begegnung von
Körpern.
Es geht um das Entfernen von Kirschkernen, das pellen aus dem (Frucht)Fleisch und das
benutzen der Zähne.
Um das Öffnen von Reisverschlüssen, die Befreiung aus Zeltwänden, die imprägnierte Haut hinter
sich lassen.
Es geht um die Brutalität der Verformung, die wir uns gegenseitig zufügen.
Kopf oder Zahl?
Kopf, nach dem Kopf kommt ein Knick.
Du bist dran.
Berühren oder berührt werden?
in der hütte ist es so wie draußen
nur dunkler
am strand war da zumindest noch das lagerfeuer von der anderen gruppe
und natürlich der sand unter meinen füßen
warmer sand wie in der mikrowelle aufgewärmt
riecht aber anders
wenn es draußen so dunkel ist wie drinnen wird es kalt
und riecht dann auch anders
und dann wünsche ich mir doch manchmal die zeltwand
die genauso funktioniert wie die bettdecke
sichschutz und direkte mauer
schutzmauer
auch vor dem berührt werden
immer der selbe weg den ich gehen muss
und beim letzten mal nicht bis zum ende gehen konnte
weil selbst dort meine kondition mich verlassen hat
selbst dort wo eigentlich alles passieren kann und noch nichts vorgeschrieben ist
nach der nächsten kurve links und dann den berg hoch
oben gibt es eine hütte
diesmal eine andere
immer der selbe brotaufstrich der sich aber wie ein flaches viereckig-gelbes zuhause anfühlt
und immer der Kaffee, wie ein schwarzer Teich
in rauen Mengen und kleinen Löffeln fällt Zucker in die Tasse.
Man hat nichts zu tun außer umzurühern und zu beobachten, draußen ist es wie drinnen, nur
dunkler und süß.
Die Tür steht also offen, wie die Fenster und man Selbst
steht in der Zugluft mit seinem kleinen schwarzen Teich in der Hand und schaut von innen nach
außen oder anders herum und verliert sich im festlegen von Grenzen.
durch das offene fenster kommt jetzt alles
das was rein muss
das was in die paprika musste
das was eigentlich in mein zelt gehört
und die luft
jetzt ist es drinnen kälter als draußen und auch wieder dunkler
Türschwelle, großer Zeh
Schornstein, Haarwurzel
Es gibt Verhältnisse zwischen Schädel- und Zimmerdecke
Zwischen Bauch- und Bettdecke.
Wo fängt man an?
© 2025, Gesprochen von Lydia Henkel